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Bautagebuch eines Hotels: 109 Neue in nur vier Wochen

Stromberg. Kaum ist der letzte Gast aus dem Haus, beginnt der Roboter sein Werk der Zerstörung - und bereitet so den Weg für eine umfassende Neugestaltung des Land und Golf Hotels Stromberg.

Von unserem Redakteur Dominic Schreiner

Es ist Sonntag, 17. Juli. Vor wenigen Minuten haben die letzten Gäste aus dem Land und Golf Hotel Stromberg ausgecheckt, schon dirigiert ein Arbeiter per Joystick eine tonnenschwere, kleine Maschine ins Foyer des Vier-Sterne-Superior-Hauses. Minuten später beginnt der Roboter, der wie ein Miniaturbagger aussieht, mit dem Abriss der holzgetäfelten Bar im Eingangsbereich. Dort, wo es jetzt kracht und knirscht, hatten am Vorabend noch Gäste bei leiser Musik ihre Cocktails, Longdrinks und Weine genossen. Für die nächste Zeit stehen in der Bar nur Lärm, Maschinen und Handwerker auf der Karte. So wie im Rest des Hotels auch.

Vier Wochen hat das Land und Golf Hotel im Stromberger Schindeldorf geschlossen, mitten in den Sommerferien. Wenn am 15. August die ersten Gäste
wiederkommen, um zu speisen, im Wellnessbereich zu entspannen oder auf dem 18-Loch-Platz zu golfen, wird das Haus ein neues Gesicht haben: Die Lobby nebst Bar und Bibliotheksbereich werden komplett umgestaltet, dazu bekommen 109 Zimmer und mehrere Suiten einen zeitgemäßen Look verpasst. "lch bin bereit. Es kann jetzt losgehen", sagt Andreas Kellerer und streift schwarze Arbeitshandschuhe über.

Jeans und Sneaker statt edlem Tuch

Kellerer ist der Direktor des Hauses und neben Dark Lütke Brochtrup einer von zwei Geschaftsführern von BUL, der Betreibergesellschaft des Viereinhalb-Sterne-Hotels. Normalerweise ist Kellerer im feinen Zwirn und mit vollendeten Umgangsformen im Haus unterwegs. Normalerweise. Für die kommenden Wochen tun es aber Jeans, Sneaker und hemdsärmeliges Mitanpacken.

Jetzt schauen ihn gerade 75 Augenpaare an: Die Hälfte der Belegschaft ist angetreten, um beim Leerräumen der Hotelhalle zu helfen. Der Rest wurde bereits in den Urlaub geschickt. Minuten später wuseln Concierges, Kellner und Köche im Freizeitdress durch das Erdgeschoss, tragen Tische, Sessel, Vasen und Lampen ins Lager. Vor dem Hotel fahren stoßweise Transporter vor. Zu Spitzenzeiten sollen später mehr als 100 Handwerker von 23 Firmen, darunter auch einige aus der Region, zeitgleich am Projekt mitarbeiten - Bauleitung und unterstützende Hotelmitarbeiter nicht eingerechnet.

Die BUL übernahm das Haus im Hunsrück 1998, seit 1999 ist Kellerer dort Chef. Lütke Brochtrup ist ebenfalls seit 25 Jahren in der Unternehmensgruppe Müller-Touristik tätig, die mit Busreisen groß geworden ist und zu der die BUL gehört. "Das Objekt war aufgrund seiner finanziellen Schieflage günstig zu haben", sagt Kellerer. lnzwischen hat das Haus schon etliche Großbaustellen erlebt: "Seitdem wir es gekauft haben, haben wir aile Bereich angepackt und auf den Kopf gestellt", sagt Lütke Brochtrup.

Stetige lnvestition als Notwendigkeit

in Beton und Betten müssen Privathotels auch investieren, um am Markt bestehen zu können. "Wır sind durch die Entwicklungen in der Hotellerie getrieben", erklärt Kellerer. Im nur 40 Fahrminuten entfernten Mainz entstehen in nächster Zeit gleich mehrere neue Hotels, die zu Ketten gehören. Um konkurrenzfähig zu sein, muss ein Privathotel seinen Gästen moderne Standards und gute Optik bieten und sich nicht nur auf ein Geschäftsfeld - wie etwa Golfer oder Kurzurlauber - konzentrieren. So hat man sich mit dem Bau eines 2500 Quadratmeter großen Spa 2013 und einem stetigen Ausbau des Serviees für Tagungsgäste permanent breiter aufgestellt, um einen sichereren Stand zu haben. Diskretion, branchenüblich in
einem Hotel dieser Klasse, herrscht auch beim Thema Höhe der lnvestitionen: Wıe viel Geld der Umbau kostet, darüber schweigen sich Kellerer und Lütke Brochtrup aus.

"Die Decke kommt raus, der Teppichboden auch", gibt Constanze Schlumberger einem Handwerker Anweisungen. Die lnnenarchitektin ist Bauleiterin für den Bereich der Hotelhalle. In den oberen Etagen eilt ihre Kollegin Sandra Schreiner durch die Flure und überwacht die Umgestaltung von 109 Zimmern, die - bis auf die Bäder - ebenfalls zeitgemäß aufgehübscht werden. Seit einigen Jahren arbeitet das Hotel mit dem Büro Lemmer Concepte aus Mainz zusammen. Inhaberin Beate Lemmer konnte schon einigen Privathotels, vier Sterne aufwärts, ihren Stempel aufdrücken. im Januar 2015 saßen die Kreativen das erste Mal mit den BUL-Chefs zusammen, in unzähligen Terminen entwickelte man ein Konzept.

Und das wird jetzt Realität - endlich, ist man auf der Großbaustelle geneigt zu sagen. Denn bei allen Beteiligten, auch den Vertretern des Generalunternehmers Hagenauer aus lmmenstadt, der den Umbau der Zimmer und Suiten bauseitig ausführt, ist jetzt zu Anfang der Stressphase eine Mischung aus Anspannung und Vorfreude zu verspüren. Die größte Herausforderung beim Projekt: der wirklich sehr enge Zeitplan, der kaum Fehler verzeiht.

Zwei Wochen später, 31. Juli. "Ein bisschen mehr einschlagen, noch ein Stück zurück", ruft Kellerer, während er eine Limousine mit Kennzeichen aus der Region aus einer Lücke zwischen Baufahrzeugen und Materialstapeln auf dem Parkplatz vor dem Hotel dirigiert. "Die wollten zum Mittagessen zu uns kommen", sagt er. Und scheint dabei ehrlich zu bedauern, dass die lnsassen des Wagens nicht ausgestiegen sind. "lch werde Herzklopfen bekommen, wenn in zwei Wochen die ersten Gäste kommen", sagt er. Herzklopfen, weil er und sein Team einfach Spaß am Umgang mit den Gästen haben, wie Kellerer immer wieder glaubhaft betont. Und Herzklopfen, weil die gesamte Belegschaft darauf gespannt ist, wie die Gäste auf den Umbau reagieren werden. "Einige haben uns auf den Weg gegeben: ,Es ist doch so gemütlich hier. Hoffentlich bleibt das so"', sagt er. Und eilt zurück auf die Baustelle. im Eingangsbereich arbeiten Handwerker simultan an Decke und Boden. In den Etagen sind Maler in den Zimmern unterwegs, in den Juniorsuiten sind gerade die Fenster ausgebaut. Statt Ausblick auf das saftige Grün der Driving Range des Golfplatzes gibt es dort blaue Schutzfolien.

Hungrige Mitarbeiter von Abrissfirmen

Andere Handwerker sitzen derweil im Büfettrestaurant des Hotels und essen. Denn die Männer (und wenigen Frauen) werden für die Dauer der Baustelle und für einen Preis, wie er in Kantinen üblich ist, vom Hotel verpflegt. Frühstück, Mittagessen, Abendessen. "Die erste Woche war beeindruckend. Da waren die Abrissfirmen hier. Und die haben richtig Hunger", sagt Kellerer und lächelt. Die Hälfte der Bauzeit ist rum, für den Laien ist es kaum vorstellbar, dass das aktuelle Chaos in zwei Wochen wieder behoben ist. "lch bin zuversichtlich: Wir schaffen das", sagt Lütke Brochtrup gelassen. Montag, 15. August. Wıedereröffnung. Um 8.30 Uhr stehen bereits einige Pkw auf dem Hotelparkplatz: Die ersten Gäste sind eingetroffen, in der Mehrzahl Tagungsgäste. im Laufe des Tages werden auch Stammgäste anreisen, eigens um das Ergebnis der vierwöchigen Bemühungen zu begutachten. Ein besonderer Stammgast war bereits vor zwei Tagen da. Ein älterer Stromberger, der jeden Tag auf seiner Runde mit seinem Hund im Hotel Pause macht, um einen Cappuccino zu trinken. Als die neue Kaffeemaschine in der umgebauten Bar funktionsbereit war, rief eine Mitarbeiterin des Hotels den Mann an: "Wir hätten gem, dass sie unsere neue Maschine als Erster testen." Ein paar Minuten später war er da.

Der Umbau ist vorbei - wie werden die Gäste reagieren?

Hoteldirektor Kellerer trägt jetzt wieder Anzug und Krawatte. Und präsentiert mit schwungvoller Geste die Veränderungen im Entrée des Hotels. Auf der linken Seite zeigt sich der neue Empfangsbereich aufgeräumt, ein verspieltes Element, eine gigantische silberne Christofle-Uhr im Hintergrund, durchbricht die Geradlinigkeit. Geradeaus findet sich der neue Bibliotheksbereich. Wo vorher englische Klubhausatmosphäre nebst hölzerner Kassettendecke herrschte, gibt es jetzt ein zeitgemäßes Design: rote Ohrensessel, moderne Klubbestuhlung, keine beschrifteten Glasflachen mehr, dafür eine abgehängte Decke mit LED-Beleuchtung. Die Bar, vorher fast ein geschlossener Raum im Raum, wirkt jetzt erheblich edler, moderner, lichtdurchlässiger, hat wertige Hölzer und eine schick abgepolsterte Theke verpasst bekommen. Die 109 überarbeiteten Zimmer vermitteln immer noch, dass man sich in einem Landhotel befindet. Aber auch dort herrscht jetzt eine klare Designlinie, die sich nun durch das ganze Haus zu ziehen
scheint. "Für mich waren die vergangenen vier Wochen eine ganz besondere Zeit. Und jetzt freut man sich über die Komplimente der Gäste - der Zuspruch ist bislang enorm, es scheint, dass wir ihren Geschmack getroffen haben", sagt Kellerer zufrieden. Und die nächste Baustelle? "Wir wissen es noch nicht, schauen aber voraus und wollen demnächst im Tagungsbereich nachlegen", deutet der Hoteldirektor an. Und wendet sich mit einem Lächeln einem neuen Gast zu.

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Bautagebuch eines Hotels 002

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